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Kramers Dackel
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Roman von Dietrich Rauschtenberger (Textproben)

Exposee

Mitte der fünfziger Jahre in Wacke, einer Kleinstadt im Ruhrpott.
Ludwig Terscheidt, genannt Lulle, lebt mit seinen Eltern Martha und Adolf (Addi) in einer Zweizimmerwohnung in einem heruntergekommenen Fachwerkhaus. Der Vater war zu lange im Krieg und in der Gefangenschaft, als dass danach noch einmal ein Familienleben glücken könnte. Der Zusammenbruch seiner nationalsozialistischen Weltanschauung hat ihn zu einem verbitterten Säufer gemacht, der sich mit dem Verkauf von Haushaltsgeräten durchschlägt. Lulle hat Angst vor ihm. Zu seiner Mutter hat er ein besseres Verhältnis, aber auch sie hat nicht viel Zeit für ihn. Weil das Geld nicht reicht, arbeitet sie am Fließband.
Der Roman erzählt Lulles Entwicklung vom phantasiebegabten Kind, das die Wirklichkeit mit den Leseeindrücken aus amerikanischen Groschenheften verquickt, zum jungen Mann, der die Pubertät mit all ihren Verheißungen und Schrecken erlebt und schließlich von Zuhause ausreißt.
Im ersten Teil (Gasstraße 69) zeigt in mehreren Episoden Lulles Welt: sein Viertel, seine Freunde, die Nachbarn und die Bekannten seiner Eltern.
Der zweite Teil (Die Feier) schildert, wie Lulle sich auf seiner Konfirmationsfeier im sexuellen Beziehungsgeflecht der Erwachsenen verfängt. Auf dem Höhepunkt der Krise wird er durch das Eingreifen seiner Freundin Evi im letzten Augenblick davon abgehalten, das Haus anzuzünden. Mit Hilfe eines amerikanischen Soldaten gelingt es ihm, Wacke hinter sich zu lassen.

Gasstraße 69

Das Haus, in dem Lulle wohnt, wird meistens “Nummer 69” genannt. Die Toiletten sind in einem Anbau, sie frieren im Winter ein. Badezimmer gibt es nicht. Herr Van Gorum, Hauswirt und Schrotthändler, auch “Geier” genannt, lässt das Haus verkommen. Lulles Mutter möchte eine andere Wohnung, aber der Vater hat dafür kein Geld. Deswegen gibt es oft Streit. Für Lulle steckt das Haus voller Rätsel. Vor langer Zeit ist es eine Herberge gewesen, manchmal hört Lulle die Stimmen der toten Fuhrleute, die hier gezecht haben. Es gibt geheimnisvolle Tapetentüren, durch die Geräusche aus dem Schlafzimmer der Nachbarn dringen.

Er schläft in der Wohnküche. Das Frühstück muss er sich selbst machen, seine Mutter ist schon früh zur Arbeit gegangen. In dem anderen Zimmer schläft der Vater seinen Rausch aus. Lulle schwänzt den Schulgottesdienst und besucht die Nachbarin Vilma Kramer, in die er verliebt ist. Vilma ist während des Krieges als russische Zwangsarbeiterin nach Wacke gekommen. Ihr Ehemann Lothar ist meistens unterwegs auf Montage. Kramers haben keine Kinder, dafür aber einen dauernd kläffenden Dackel namens Rappi. In der Gasstraße wird über Vilma getratscht, denn die erotische Ausstrahlung der exotischen Schönheit beschäftigt die Fantasie der Männer.
Lulle ist in der letzten Klasse der Volksschule und gehört zu den Besten. Wenn Lehrer Herr Schmidtke müde ist, müssen die Kinder sich selbst beschäftigen. Lulle benutzt die Gelegenheit, um mit seiner Schulfreundin Evi Busse zu knutschen.
Lulles bester Freund Helmut Simmel, genannt Monner, ist ein Jahr älter. Er wohnt im Nachbarhaus, Gasstraße 67. Sein Vater ist Sparkassenangestellter, seine Mutter ist geht in eine Sekte. Früher war Monner in Lulles Klasse, aber inzwischen geht er zum Gymnasium. Lulle wäre auch gerne zum Gymnasium gegangen, aber sein Vater hat es nicht erlaubt. Monner zwingt Lulle zu sexuellen Spielen, später wird er zu Lulles Rivalen bei Evi Busse.
Ein Familienleben kennt Lulle nur aus Büchern oder von seinen Freunden. Er hat einen festen Platz in der Welt der Kinder. Mit anderen Jungen gehört er zur “Nudelbande”, deren Anführer Monner ist. Ihr Hauptquartier ist Bauer Dahlmanns alter Kaninchenstall. Nach der Schule streift Lulle durch das “Ländchen”, einer Industriebrache an der Eisenbahn, die eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt. Dort schlüpft er in die Rolle von Billy Jenkins, dem Helden seiner Lieblings-Wildwest-Heftchen. Er wünscht sich eine “Tarnkappe”, um das Leben der Erwachsenen zu erkunden und um die “rosa Blume” zu sehen, wie er das weibliche Geschlecht nennt. Erste sexuelle Erfahrungen macht er mit Evi, damit beginnt für ihn die Phase der erweiterten Doktorspiele.
Lulles “großer Freund” ist der Fernfahrer Bernd Bierkemper, der sich bei Lulles Mutter mit kleinen Reparaturen beliebt macht. Sie und Bernd kommen sich näher, während Lulles Vater sich im “Scharfen Eck” betrinkt. Sie denkt daran, sich scheiden zu lassen. Bei einem Gespräch “unter Männern” vertraut Lulle Bernd an, dass er ihn gerne zum Vater hätte.
Der Fotograf Richard Hölter und sein zwergwüchsiger Gehilfe Willeken Wenzel sind Saufkumpane seines Vaters. Die beiden ziehen über die Jahrmärkte - Willeken im Kostüm von Mecki, dem Igel - und animieren die Leute, sich mit Mecki fotografieren zu lassen. Hölters Hauptgeschäft ist allerdings der Handel mit geschmuggelten Zigaretten und pornografischen Fotos.
Den Kontrapunkt zu Lulles sexueller Neugier bildet die Welt der Technik. Zusammen mit Monner baut er das Modell einer Einschienenbahn (Alwegbahn, heute Transrapid). Als Teststrecke benutzen sie den Handlauf des Treppengeländers von “Nummer 69”. Gleich bei der ersten Versuchsfahrt gibt es einen Unfall: Rappi, Kramers Dackel, wird von dem Fahrzeug getroffen und stirbt an seinen Verletzungen. Sie stecken die Leiche in einen Sack und werfen ihn auf Van Gorums Schrottplatz in einen Schrottwaggon.
Der Tod von Kramers Dackel bedeutet das Ende von Lulles Kindheit.

Die Feier

Lulle soll konfirmiert werden, aber Martha Terscheidt hat kein Geld für die Feier. Vilma macht den Vorschlag, Lulles Konfirmation zusammen mit ihrem Geburtstag zu feiern. Die Feier findet im “Scharfen Eck” statt, der Kneipe gegenüber. Außer den Nachbarn, Freunden und Bekannten aus der Gasstraße kommt Marthas Schwester Berni mit ihrem Mann Hein Lührsen und ihrer Tochter Regine aus Hamburg. Aus der DDR reist der Vater von Martha und Berni an, der mit seiner zweiten Frau Liesbeth als SED-Funktionär in Leipzig lebt.
Lulle verliebt sich in Regine. Die ältere, sexuell erfahrene Regine sieht in ihm nur einen kleinen Jungen, mit dem sie machen kann, was sie will. Mit Evi will Lulle nichts mehr zu tun haben, in seinen Augen kann sie den Vergleich mit Regine nicht bestehen. Und ohne zu wissen, was das ist, hat er ein Beziehungsproblem. Als Evi zur Feier kommt, lässt er sie spüren, dass sie ihm im Weg ist. Aus Enttäuschung trifft sie sich mit Monner in Dahlmanns Kaninchenstall. Lulle beobachtet die beiden und bringt in einem Wutanfall den Stall zum Einstürzen.
In Hölters Dunkelkammer entdeckt Lulle in einem Sack einen ausgestopften Hund, der genauso aussieht wie Kramers Dackel Rappi. Er sieht nur den Kopf des Tieres aus dem Sack ragen, ist aber sofort überzeugt, dies sei das Überraschungsgeschenk für Vilma, von dem Bierkempers Bernd den ganzen Tag gesprochen hat. Um Regine zu imponieren, zieht er Willekens Mecki-Kostüm an, geht ins “Scharfe Eck” und überreicht Vilma den ausgestopften Dackel. Leider kommt das Geschenk gar nicht gut an, ja, er wird sogar beschimpft. Weil er wegen der Maske nichts sehen kann, weiß er nicht, dass der Hund so präpariert ist, als ob er gerade dabei wäre, mit erigiertem Penis eine Hündin zu besteigen. Natürlich glauben alle, in dem Mecki-Kostüm stecke Willeken. Noch nicht einmal seine Eltern erkennen ihn. Sein Vater schenkt ihm als vermeintlichem Willeken Schnaps ein. Lulle taumelt betrunken durch die Gaststätte. Die Igel-Maske wirkt wie eine Tarnkappe und er hört die Erwachsenen Dinge aussprechen, die sie in seiner Gegenwart normalerweise niemals gesagt hätten. So geht seine Kinderwelt in dem Maße in die Brüche, wie er hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kommt.
Als er am Ende Regine mit seinem Vater im Bett erwischt, erleidet er eine Nervenkrise. Im letzten Moment kann Evi ihn daran hindern, “Nummer 69” anzuzünden. Zum ersten Mal sprechen sie über die Gefühle, die sie füreinander haben. Trotzdem kann Lulle nicht mehr in Wacke bleiben. Er steigt in den LKW von Bill Parker, einem amerikanischen Soldaten, der wegen dem Fotografen Richard Hölter nach Wacke gekommen ist, um geschmuggelte Zigaretten gegen pornografische Fotos zu tauschen, und lässt die Kleinstadt und sein bisheriges Leben hinter sich.

Der Roman hat in der vorliegenden Fassung 138 443 Wörter bzw. 861 274 Zeichen mit Leerzeichen und kann in Auszügen als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Hier geht's zum Download (PDF-Datei, 49 Seiten, Größe: 590 KB)